Hallo und willkommen zu dieser speziellen Podcast-Ausgabe, die dem Flagship-Fonds von Carmignac, Patrimoine, gewidmet ist. Ich bin Valentina Romeo, und heute wird Axelle Pinon, eine auf Aktien spezialisierte Produktmanagerin bei Carmignac, zu uns stoßen. Wir werden über die themenbezogene Strategie von Patrimoine sprechen und insbesondere darüber, wie das Team die Gewinner von heute und morgen auswählt. Vielen Dank, Axelle, dass Sie heute dabei sind.
Vielen Dank und guten Tag.
Axelle, zunächst hat mir dieses Zitat des CEO von Shopify sehr gefallen, der sagte: „2030 wurde auf 2020 vorgezogen“, und es hat mich zum Nachdenken gebracht: Ist es das, was auch Carmignac bei der Auswahl der Unternehmen denkt? Welche Überlegungen stellt man an, wenn man zukünftige Gewinner ins Auge fasst? Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Ja, das ist eine sehr interessante Aussage und meiner Meinung nach eine sehr gute Illustration dessen, was [0:01:00] diese Krise für Technologieunternehmen und disruptive Unternehmen bedeutet. Denn was wir gesehen haben, ist in Wirklichkeit eine Beschleunigung aller Trends, die wir bereits seit Jahren beobachten. Sowohl im Online-Handel als auch in der Digitalisierung. Zum Beispiel haben wir im Online-Handel einen beträchtlichen Anstieg dessen erlebt, was sich seit Jahren angedeutet hat. Es dauerte ungefähr zehn Jahre, bis der Anteil des Online-Handels an den Direktverkäufen in den USA von 6 auf 16 % stieg. Aber jetzt konnten wir innerhalb von nur acht Wochen einen Anstieg von 16 auf 27 % verzeichnen. Das war ein riesiger Sprung. Natürlich sind wir der Ansicht, dass sich die Situation ein wenig normalisieren wird. Die stationären Geschäfte werden wieder öffnen, so dass dieser Trend möglicherweise wieder etwas abflauen wird. Aber unserer Meinung nach macht der Verbraucher beispielsweise im Online-Handel [0:02:00] so viel bessere Erfahrungen, dass wir das Vorkrisenniveau nie wieder erreichen werden. Wir haben die gleichen Trends in Bezug auf die Digitalisierung gesehen. Viele stationäre Geschäfte werden dazu gedrängt, online zu gehen, weil in den Geschäften so viele Beschränkungen beachtet werden müssen. Also ist es für sie einfacher, direkt in den Online-Handel einzusteigen. Darin sind wir uns also definitiv einig. Es ist zudem eine starke Bestätigung aller unserer Anlagethemen, in die wir seit Jahren investieren.
Lassen Sie uns auf den Fonds zurückzukommen, der natürlich im Mittelpunkt unseres heutigen Gesprächs steht. Beim Aktienbestand greift Patrimoine erneut eine Handvoll langfristiger Themen auf, von Online-Handel bis hin zu Themen wie Demographie. Wir fragen uns aber immer wieder, wie man beim Investieren ein langfristiges Gewinnthema aus bloßen Trends, also aus kurzfristigen [0:03:00] Themen, herausfiltert. Wie gehen Sie dabei vor?
Natürlich denken wir zuerst an den globalen Rahmen, was eher eine Top-Down-Herangehensweise ist. Die Rahmenbedingungen sehen so aus, dass wir uns in einer Welt befinden, in der das Wachstum zu einem immer knapperen Gut wird. Heute hoffen nur 15 % der Unternehmen des S&P, innerhalb von fünf Jahren um mehr als 15 % zu wachsen. 2001 lag dieser Wert noch bei 45 %. Wir stehen also vor einem Umfeld, in dem wir definitiv Unternehmen finden müssen, die in der Lage sind, aus eigener Kraft zu wachsen, die in der Lage sind, Investoren ein langfristiges Wachstum zu garantieren. Zunächst einmal sind alle Gewinner-Themen, die wir identifiziert haben, Themen, die eine enorme Konzentration von langfristigen Wachstumswerten aufweisen. Was das thematische Investieren betrifft, so glauben wir wirklich, dass die Fähigkeit, disruptive Trends zu verstehen und zu erkennen, heute der Schlüssel [0:04:00] zur Schaffung erfolgreicher langfristiger Anlagestrategien ist. Genau das ist es, wonach wir mit einem Fonds wie Patrimoine suchen. Wir wählen (Unternehmen) aus, die ein starkes Aufwärtspotenzial erkennen lassen. Wir schauen nach fundamentalen Verschiebungen, entweder angetrieben durch das Angebot, durch einen Abwärtstrend oder Verschiebungen, die mit technologischem Wandel verbunden sind. Wir identifizieren also diese Trends, die tendenziell universelle Muster aufweisen und leicht auf verschiedene Regionen oder Unternehmen übertragen werden können. Um vielleicht etwas konkreter zu werden, ein großartiges Beispiel hierfür ist Amazon. Wir beschäftigen uns seit Jahren mit Amazon und wir investieren hier bei Patrimoine seit 2015 in das Unternehmen. Wir haben Amazon immer als einen Investment-Case oder Business-Case betrachtet. Das bedeutet, dass wir das Geschäftsmodell des Unternehmens genau analysieren: Die Entwicklungen und das Verständnis dafür, warum so viele Konkurrenten [0:05:00] es nicht geschafft haben, mit Amazon mitzuhalten.
Dann ist es unsere Aufgabe, ähnliche Muster auf der ganzen Welt zu finden, um vom globalen Ansatz von Patrimoine zu profitieren. Das heißt, wir investieren in ähnliche Unternehmen. Darum investieren wir z. B. seit 2014 in Mercado Libre. Mercado Libre ist ein führender Online-Handel-Anbieter in Lateinamerika. Dieselbe Strategie haben wir in letzter Zeit mit Sea Ltd. in Südostasien verfolgt. Ein neuer interner Bereich. Das Interessante an Amazon, Mercado Libre und Sea Ltd. ist, dass sie vielleicht das gleiche magische Rezept haben, aber auch, dass der elektronische Handel nur einen Teil ihres Geschäftsmodells ausmacht. [unverständlich 0:05:45] Wir alle wissen, dass Amazon eine Cloud hat. Bei Mercado Libre (macht der Online-Handel) 50 % aus, und der größte Teil des Wertes wird im Bereich des digitalen Zahlungsverkehrs generiert, was ebenfalls ein Thema ist, das wir sehr, sehr genau verfolgen. Zu Sea Ltd. gehören natürlich auch Videospiele, und noch einmal, auch das ist [0:06:00] ein weiteres Thema, das uns sehr gefällt. Es ist also in jedem dieser Fälle die Konzentration von jeweils zwei Themen, die uns wirklich gefällt. Natürlich versuchen wir normalerweise, bei dieser Art von Themen einen Crowding-Effekt und eine anhaltende überdurchschnittliche Entwicklung (Outperformance) zu erzielen. Das rechtfertigt für uns also, sehr aktiv in unserer Verwaltung zu sein und sehr rigoros in Bezug auf das Risikomanagement für Forward Picking und [unverständlich 0:06:29] zu agieren.
War das schon immer die Strategie von Patrimoine? Offensichtlich blicken Sie auf eine lange Erfolgsgeschichte zurück. War die Konzentration auf Themen ein relativ neuer Schritt? Außerdem haben Sie erklärt, wie Sie an Themen herangehen. Wie sieht nun der genaue Prozess der Themenauswahl aus? Was genau schauen Sie sich an? [0:07:00] Bewertungen, Marktkapitalisierung? Und insbesondere, wie wählen Sie sie aus? Wie genau sieht der Prozess aus?
Nein, es ist definitiv kein neuer Schritt. Bereits seit 30 Jahren investiert Carmignac Patrimoine in langfristige Anlagethemen. Das war und ist ein bestimmendes Merkmal für das globale Management, besser gesagt für das globale Aktienmanagement von Carmignac. Das erste Thema waren die Schwellenländer, und dieses Thema ist seit 1989 ein maßgebliches Anlagethema. Als wir anfangs in die Schwellenländer investierten – wir waren Pioniere auf diesem Gebiet – versprach dies, dass [Überlagerung 0:07:42] (wir) von der steigenden Lebensqualität dort draußen, der wachsenden Mittelschicht und den veränderten Konsumgewohnheiten profitieren würde. Nach der Schwellenländer-Thematik haben wir dann auch sehr stark in das Rohstoffthema investiert, was heute absolut nicht mehr der Fall [0:08:00] ist, weil sich die Welt verändert hat. Daher haben wir unsere Strategie angepasst und konzentrieren uns nun auf disruptive Trends. Diese Strategie verfolgen wir nun seit, glaube ich, mehr als zehn Jahren. Carmignac war der festen Überzeugung, dass die Suche nach Innovation, nach disruptiven Unternehmen im Technologiebereich das bestimmende Thema für Patrimoine ist und auch in Zukunft sein wird. Es war das Ziel des Unternehmens, jemanden einzustellen, der sich darauf spezialisiert hat, und das war David Older. Wir stellten also David Older ein, einen Fondsmanager aus New York, der auf den Technologiebereich spezialisiert war, denn man sollte meinen, dass dies …
Nein, er war bei einem Hedge-Fonds.
Er war Hedge-Fonds-Manager mit Spezialisierung auf den Technologiebereich in New York und kennt daher alle Unternehmen des Silicon Valley sehr gut. 2015 kam er zu uns, und er brachte seine eigene Anlageeinsichten mit. Dann übernahm er vor eineinhalb Jahren zusammen mit Rose Ouahba das Management [0:09:00] von Carmignac Patrimoine. Was er also beschlossen hat, ist definitiv, diese langfristige thematische Anlagephilosophie und die Veränderungen für Patrimoine beizubehalten. Der Hauptunterschied, den er bewirkt hat, ist jedoch, dass er den Wert in erster Linie durch einen Bottom-up-Ansatz und nicht durch einen Top-down-Ansatz generiert, was eher dem historischen Muster für die Aktienauswahl entsprochen hat. Seine Titelauswahl zielt darauf ab, tatsächlich überlegene Geschäftsmodelle und Chancen zu identifizieren, indem er sich immer darauf konzentriert, aus dem Konsens [unverständlich 0:09:34] eine (divergierende) Sichtweise zu formulieren. Um eine vom Konsens abweichende Sichtweise herauszuarbeiten, hat er das eigene Research weiterentwickelt. Mit eigenem Research meinen wir, dass wir zunächst natürlich viele Meetings mit Firmen abhalten. Treffen mit dem Management und so weiter und dafür ist es definitiv von Vorteil, dass das Equity-Team in London ansässig ist, denn dadurch kann das Top-Management, [0:10:00] sogar von großen Technologieunternehmen wie Google oder Facebook direkt in unser Büro in London kommen. Wir versuchen aber auch, eigenes Research zu betreiben. Dabei konzentrieren wir uns nicht nur auf das Verständnis der Unternehmen, in die wir investieren, sondern auch auf die Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette. Wir befragen also die Wettbewerber, die Lieferanten und die Kunden, um sicher zu sein, dass wir das Umfeld verstehen, in dem sich das jeweilige Unternehmen entwickelt. Darüber hinaus führen wir auch eine Menge [unverständlich 0:10:29] Arbeiten und umfangreiche Datenanalysen durch, die für ein besseres Verständnis all unserer Unternehmen und insbesondere der Unternehmen im Konsumsektor sehr nützlich sein können.
Big Data spielt heute eine sehr große Rolle.
Ja, (…) um ein einfaches Beispiel zu nennen, beim Blick auf Google sind Trends sehr wichtig. Wenn Sie beispielsweise in ein Unternehmen investieren, das nur darauf achtet, wie viele Mitarbeiter täglich in seinem Unternehmen beschäftigt sind und Sie erkennen, dass sich das Wettbewerbsverhalten [0:11:00] in dieser Hinsicht ändert. Sie haben die Kriterien erwähnt, für die wir uns interessieren. Davon gibt es mehrere, aber ich denke, das erste Kriterium ist, dass wir nur Unternehmen suchen, die über einen großen und breiten adressierbaren Markt verfügen. Wenn wir zum Beispiel an Apple denken, dann war ihr adressierbarer Markt vor 10 Jahren, als sie das iPhone auf den Markt brachten, sehr selektiv. Heute verfügen sie über einen riesigen Zielmarkt, der Jahr für Jahr wächst. Es ist genau das Muster, das wir suchen. Wonach wir zudem Ausschau halten, sind unterversorgte Märkte. Unterversorgte Märkte in Bezug auf das Geschäft. Genau danach suchen wir zum Beispiel im Bereich Online-Handel. Was ich eingangs erwähnte, nimmt die Durchdringung in Bezug auf den Online-Handel stark zu. Ich würde sagen, dass die Durchdringung vor der Covid-Krise recht gering war, auch geografisch gesehen. [0:12:00] Vor allem in den Schwellenländern finden wir viele [unverständlich 0:12:03] (Anlagemöglichkeiten), die uns gefallen. Dann interessieren wir uns für Unternehmen, die eine hohe Eintrittsbarriere und eine gute Prognostizierbarkeit künftiger Gewinne bieten, denn im Zusammenhang mit dem, was ich eingangs sagte, suchen wir nach Unternehmen mit einer hohen langfristigen Wachstumsprognose.
Wir haben also ganz klar gesehen, dass Sie besonders auf den Online-Handel setzen. Auf welche anderen Themen konzentrieren Sie sich im Moment bei der aktuellen Aktienallokation?
Wir konzentrieren uns derzeit auf vier große Themenbereiche in unserem Fonds. Der erste steht im Zusammenhang mit dem Online-Handel in Verbindung mit dem vernetzten Verbraucher. Heute sind wir der Meinung, dass sich in erster Linie der Verbraucher verändert hat. Er verfügt über das notwendige Wissen, hat die Wahl und stellt hohe Erwartungen an den Anbieter, für den er sich entscheidet. Die erste Konsequenz dieser Entwicklung für uns Investoren ist, dass [0:13:00] wir wirklich die Entstehung einer „Winner-takes-it-all“-Dynamik beobachten können. Es gibt einige dominierende Akteure, die in der Lage sind, einen sehr großen Teil der Gewinne einzufahren. Das liegt natürlich an ihrer Position als Pionierunternehmen und auch an ihrer Fähigkeit, mächtige Netzwerke aufzubauen, die den Konkurrenten nur sehr wenig übrig lassen. Als Investor haben wir ein wirklich großes Problem – die beträchtlichen Herausforderungen bei der Auswahl der richtigen Aktie in diesem sehr disruptiven Umfeld. Deshalb konzentrieren wir uns tendenziell auf das, was wir als die sogenannten [unverständlich 0:13:38] Online-Aggregatoren bezeichnen. Damit meine ich die von mir erwähnten Unternehmen wie Amazon, JD.com, Mercado Libre und Sea Ltd., weil sie wirklich die gesamte Kaufkraft der Verbraucher kontrollieren. Das zweite große Thema, in das wir investieren, ist die Digitalisierung (…) [0:14:00] Ich erwähnte in Bezug auf die Themen, dass diese Krise gewisse Dinge beschleunigt hat, und die Digitalisierung hat durch die Krise definitiv enorm an Fahrt gewonnen. Innerhalb dieses Themas der Digitalisierung interessieren wir uns für Daten, denn Daten sind heute definitiv die wichtigste Einnahmequelle für Unternehmen. Die Unternehmen, die in der Lage sind, Daten zu sammeln, zu analysieren und zu nutzen, um ihr Geschäft auszuweiten, werden definitiv die Gewinner von morgen sein.
Ich habe kürzlich ein Zitat gelesen – vielleicht bin ich auch nur etwas spät dran – das besagt, Daten würden oft für das neue Öl gehalten, aber in Wirklichkeit seien Daten wie Wasser. Es geht nicht um Öl, sondern um Wasser.
Daten sind also noch wichtiger als gedacht, und genauso ist es auch. Das Problem dabei ist jedoch, dass wir eine Menge Fragen im Zusammenhang mit Daten sehen, die aufgrund des regulatorischen Gezänks in Bezug auf steuerrechtliche Dinge aufgeworfen werden. Im Hinblick auf das Risikomanagement ist dieser Aspekt [0:15:00] sehr wichtig. Es kann zu einer gewissen Volatilität kommen, wie wir zum Beispiel bei Facebook und Google gesehen haben. Doch generell bleibt unserer Meinung nach das langfristige Wachstumspotenzial für Daten gleich. Ein gutes Beispiel ist sicherlich die digitale Werbung. Wenn wir uns Facebook und Google ansehen, dann dominieren diese beiden Unternehmen den digitalen Werbemarkt komplett. Diese beiden Unternehmen vereinen mehr als 80% der weltweiten Ausgaben für digitale Werbung auf sich. Das ist großartig, denn wir haben einfach gesagt ein Modell, das eine Win-Win-Situation sowohl für den Verbraucher als auch für den Werbetreibenden bietet. Für den Verbraucher ist es besser, weil er Werbung bekommt, die direkt auf ihn zugeschnitten ist. Das ist also viel (…) intuitiver. Der Verbraucher fühlt sich viel mehr zu dieser Werbung hingezogen, und für die Werbetreibenden ist der Return on Investment [0:16:00] viel höher. Die vorliegende Win-Win-Situation hat zu etwas ziemlich Ungewöhnlichem geführt, nämlich der Widerstandsfähigkeit von Facebook und Google während der Krise. Vor den Quartalsergebnissen waren alle sehr besorgt über Facebook und Google und der Tatsache, dass sie unter dem Rückgang der Werbung und der Ausgaben leiden könnten. Im Gegensatz dazu gab es überraschend positive Entwicklungen.
Wir sehen also wirklich, dass hier ein Paradigmenwechsel passiert. In der Vergangenheit entwickelte sich die Werbung sehr konjunkturabhängig. Jetzt [unverständlich 0:16:39] erkennen wir mehr Widerstandsfähigkeit. Bei der Digitalisierung, die für uns auch wirklich interessant ist, geht es um alles in Verbindung mit dem digitalen Zahlungsverkehr. Die Entwicklungen sind definitiv eine direkte Folge der Geschehnisse im Online-Handel, denn digitale Zahlungssysteme profitieren vom Online-Handel und vom veränderten Verbraucherverhalten [0:17:00] [unverständlich]. Momentan kommen hygienischen Gründe hinzu. Digitale Zahlungen werden immer häufiger eingesetzt, um physischen Kontakt zu begrenzen. In diesem Bereich sind wir der Meinung, dass spezialisierte Akteure von dieser Digitalisierung des Zahlungsverkehrs stärker profitieren als traditionelle Banken. Wenn man sich also das finanzielle Engagement unseres Fonds ansieht, dann hat man das Gefühl, dass das Rückgrat aus Finanztechnologieunternehmen besteht, die im Bereich Zahlungsverkehr sehr aktiv sind, und nicht aus den traditionellen Großbanken, bei denen wir viel mehr strukturelle Probleme erkennen können. Diese Strategie verfolgen wir im Übrigen weltweit. Ich habe vorhin im Bereich E-Commerce das Unternehmen Mercado Libre erwähnt. Die Hälfte des Unternehmenswertes entfällt jedoch auf Mercado Pago, die Zahlungsplattform von Mercado Libre. Das dritte Thema, in das wir investieren, wird mit der sogenannten „Polarisierung der Konsumgüterausgaben“ beschrieben. Der Konsumgütersektor wurde definitiv revolutioniert, und ich erwähnte dies im Zusammenhang mit der Entstehung der [unverständlich 0:17:58] Online-Aggregatoren. [0:18:00] Die erste Konsequenz daraus ist heute, dass wir eine polarisierte Einzelhandelslandschaft zwischen einerseits den Premiummarken und andererseits dem Value-End-Markt haben.
Wir haben heute im Konsumgütersektor tatsächlich ein Sieger-Verlierer-Setup. Dies hat enorme Konsequenzen im Hinblick auf die Aktienauswahl. In unserem Portfolio investieren wir also nur in Premium-Unternehmen, d. h. in die meisten Luxusunternehmen in Europa, und in den Value-End-Markt. Wir vermeiden definitiv die mittelständische Unternehmen, die direkte Konkurrenten der Online-Aggregatoren sind. Das letzte Thema, in das wir investieren, ist das Gesundheitswesen. Erstens, weil das Gesundheitswesen nicht nur defensiv ist, wie wir alle wissen, sondern auch ein starkes Wachstumsprofil aufweist, weil es von starken Grundtendenzen gestützt wird. Die Welt wird älter und reicher. Leider gibt es einige Krankheiten, wie z. B. Diabetes, die [0:19:00] damit zusammenhängen, dass die Welt immer reicher wird. Aber abgesehen von diesem grundsätzlichen Trend wird der Gesundheitssektor auch wesentlich von Innovationen angetrieben. Im Gesundheitswesen finden wir auf jeden Fall unsere Firmen-DNA, nämlich säkulares Wachstum, Innovation und Disruption. Das sind also die vier Themen, in die wir heute investieren.
Großartig, gleich schauen wir uns die jüngeren Ereignisse an. Wir haben bereits die Gesundheitskrise erwähnt und wie sie sich auf die Investitionsthemen ausgewirkt und neue geschaffen hat. Nur um vielleicht einmal auf die letzten fünf Jahre zurückzublicken – welche Themen haben Ihnen und dem Fonds in den letzten Jahren den meisten Gewinn eingebracht?
Definitiv wieder einmal der Online-Handel, [0:20:00] und das bereits seit Jahren. Was wir jetzt im Bereich Online-Handel sehen, ist die Verlagerung des Lebensmitteleinkaufs, die bisher nur langsam voranging. Erneut erleben wir hier eine deutliche Beschleunigung dieses Prozesses. Amazon ist definitiv ein großer Akteur in diesem Bereich, aber wir suchen auch nach kleineren Konkurrenten, nach Nischenmärkten in diesem Trend zum Lebensmittelversand und abgesehen vom Online-Handel auf jeden Fall nach Akteuren im Gesundheitswesen. Das Gesundheitswesen war eine gute Entscheidung in Bezug auf die Branchenallokation, aber auch in Bezug auf die Aktienauswahl war dieser Bereich für den Fonds sehr hilfreich. Im Gesundheitswesen verfolgen wir eine sehr strenge Anlagepolitik, indem wir alle Unternehmen ausschließen, bei denen das Wachstum von den Preisen bestimmt wird, denn wir wissen heute alle, dass die Preise vor allem in den USA unter Druck stehen. Angesichts der bevorstehenden Wahlen ist es umso wichtiger, sich nur auf Unternehmen zu konzentrieren, die sich nicht auf [unverständlich 0:20:57] Preise stützen. [0:21:00] Im Gesundheitswesen haben wir ein sehr diversifiziertes Risiko zwischen Pharmaindustrie, Biotechnologie, Medizintechnik und (…) Investitionen in Managed-Care-Unternehmen in den USA, aber wir weisen auch ein sehr diversifiziertes Risiko in geografischer Hinsicht auf. Wir tätigen Investitionen (…) in den USA, Europa und China. China ist heute deshalb wichtig, weil das Gesundheitswesen nach wie vor unterversorgt ist. Auch hier ist die Unterversorgung eines unserer Schlüsselkriterien. Betrachtet man heute China, so beläuft sich der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP auf etwa 6 %, verglichen mit 11 % in Frankreich und 18 % in den USA. Es gibt also immer noch eine Unterversorgung, auch wenn es stimmt, dass wir im letzten Jahr eine enorme Verbesserung erlebt haben. Heute sind etwa 95 % der chinesischen Bevölkerung [0:22:00] durch eine Krankenversicherung abgesichert, verglichen mit 3 % im Jahr 2000. Wir haben also in China enorme Investitionen in die Gesundheitsversorgung gesehen, und wir glauben definitiv, dass die chinesischen Behörden diese fortsetzen werden. Das war also ein Schlüsselthema für uns, das sehr erfolgreich war, und von dem wir nach wie vor fest überzeugt sind.
Offensichtlich hatten (die Akteure) durch die Pandemie keine Wahl.
Genau. Es ist definitiv überall auf der Welt nicht der richtige Zeitpunkt, Investitionen in das Gesundheitswesen zu kürzen.
Was hat die Pandemie sonst noch thematisch verändert oder Sie dazu veranlasst, über bestimmte Themen oder andere Dinge, in die Sie zukünftige Gewinnhoffnungen setzen, nachzudenken? Gibt es neue absehbare Trends?
Wie ich eingangs sagte, haben sich alle Trends, in die wir seit Jahren investieren, bestätigt. Auf eher mittelfristiger Basis haben wir, und das war bereits im April, qualitativ hochwertige Titel gesucht, die eher konjunkturabhängige Merkmale aufweisen. Unternehmen, die in der Lage sein werden, sich schnell wieder zu erholen, wenn wir das Ende des Lockdowns und einen erneuten Wachstumsschub erleben, weil alle Unternehmen, die während der Pandemie sehr gut abgeschnitten haben, Gefahr laufen, während des Konjunkturanstiegs wieder etwas zurückzufallen. Wir haben also im Bereich des Online-Handels Gewinne eingefahren und das Engagement im Bereich Reise und Tourismus wieder ausgeweitet. Im Reisegeschäft hat das Team bestimmte Teile der Wertschöpfungskette betrachtet, die [0:24:00] strukturell weniger von der derzeitigen Krise betroffen sein werden. Am stärksten betroffen sind zweifellos die Fluggesellschaften. Wir haben uns also völlig aus diesem Segment zurückgezogen, weil wir der Meinung sind, dass die strukturellen Probleme dort durch diese Krise nur noch verstärkt werden. Worauf wir uns jedoch konzentrieren, sind Unternehmen, die letztendlich äußerst flexible Geschäftsmodelle sowie eine geringe [unklare 0:24:21] Dichte aufweisen und die sehr unter dem vollständigen Stopp der Aktivitäten gelitten haben, sich aber sehr schnell wieder erholen könnten. Ein Beispiel dafür ist Amadeus, ein spanisches Unternehmen, das Technologien für Flugbuchungen anbietet. Dessen Aufgabe besteht darin, die Transaktionen zwischen den Kunden und etwa 400 Fluggesellschaften weltweit abzuwickeln. [Überlagerung 0:24:50]
Es geht um die Infrastruktur (rund um den Flugverkehr).
Genau, und wir haben ja erwähnt, dass es sich bei Daten um das neue Öl [0:25:00] bzw. Wasser handelt. Interessanterweise ist Amadeus dabei, alle Daten über seine Kunden für die 400 Fluggesellschaften zu sammeln. Das Unternehmen hat also einen breiten Überblick darüber, wie die Verbraucher ihre Flugtickets kaufen. Es ist in der Lage, die (Daten darüber) direkt an die Fluggesellschaften zu verkaufen, damit diese ihr Marketing und ihre Geschäftspraktiken verbessern können. Wir haben uns mit diesem Thema bereits bisher intensiv beschäftigt und unsere Position im Bereich der Buchungen lediglich weiter gestärkt, denn auch bei den Buchungen finden wir erneut alle Kriterien, die uns gefallen. Wir stellen fest, dass es einen großen und wachsenden adressierbaren Markt gibt, denn wenn man sich die Durchdringungsrate von Online-Buchungen in Bezug auf Hotels ansieht, hinkt sie der von Fluggesellschaften weit hinterher. Bei den Fluggesellschaften beträgt die Marktdurchdringung bei Online-Buchungen etwa 90 %. Im Hotelbereich ist sie viel, viel niedriger, und wir haben bei vielen Online-Buchungen den First-Mover-Vorteil [0:26:00], so dass einige starke Markteintrittsbarrieren errichtet werden konnten. Also genau die Art von Kriterien, die wir in Bezug auf Investitionen mögen. Insgesamt hat diese Krise gerade unsere langfristige Sichtweise bestätigt. Das ist sehr positiv, und wir haben versucht, von attraktiven Einstiegsmöglichkeiten zu profitieren, um das Portfolio erneut auf bestimmte Trends auszurichten, die wir bereits bisher intensiv verfolgt haben.
Herzlichen Dank, Axelle, für Ihre Zeit heute.
Gerne, vielen Dank.